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Am
9. Dezember 2006
wurde die Europa-Union
Deutschland 60 Jahre alt. Die Europa-Union Deutschland ist eine überparteiliche
und unabhängige politische Organisation. Ihr Ziel ist es, die europäische
Einigung bürgernah zu machen und dementsprechend auch Einfluss auf die politische
Entwicklung in der Europäischen Union auszuüben. Sie ist quasi Mittler zwischen den
politischen Entscheidungsträgern der Union und deren Bürgern.
Der Gedanke, Europa zu vereinen, ist nicht neu. Schon vor 500 Jahren hatte der
niederländische Theologe und Philosoph Erasmus von Rotterdam die Völker Europas zu einem
Völkerbund aufgerufen. Und William Penn, der Quäker, nach dem der amerikanische
Bundesstaat Pennsylvania benannt wurde, beschwor 150 Jahre später die Staaten, eine
Europäische Bundesversammlung zu schaffen. Auch der große französische Dichter Victor
Hugo kündigte im Jahre 1851 die "Vereinigten Staaten von
Europa" an. Er erntete Hohn und Spott. Stattdessen folgten auf diesem
Kontinent immer nur neue Kriege. Stets war Europa dem Krieg näher als dem Frieden. Erst
nach dem Schrecken zweier Weltkriege nahm man die Appelle ernst. In seiner berühmten
Rede vom 19. September 1946 in Zürich sagte der damalige britische
Premierminister Winston Churchill: "Wenn Europa einmal einträchtig sein gemeinsames
Erbe verwalten würde, dann könnten seine drei- oder vierhundert Millionen Einwohner ein
Glück, einen Wohlstand und einen Ruhm ohne Grenzen genießen. ...
Wir müssen eine Art Vereinigter Staaten von Europa schaffen. ... Der Weg dahin ist
einfach. Es ist nichts weiter dazu notwendig, als dass Hunderte von Millionen Männer und
Frauen Recht statt Unrecht tun und Segen statt Fluch ernten." Der Vollständigkeit
halber muss aber auch ein weiterer Satz aus dieser Rede zitiert werden. Churchill fügte
nämlich hinzu, dass "Großbritannien, das Britische Commonwealth, das mächtige
Amerika und - wie ich hoffe - Sowjetrussland Freunde und Förderer des neuen Europa"
sein müssten. Großbritannien, so Churchill 1946, wollte zwar den Zusammenschluss Europas
fördern, aber vorerst selbst nicht daran teilnehmen.
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Erste Anfänge in der Schweiz
Mag sein, dass so in Zürich die Kette vieler Missverständnisse entstanden ist,
die den Beginn europäischer Einigungsbemühungen immer wieder begleiteten. Angefangen
hatte es in einem europäischen Land, das bis heute noch nicht Mitglied der Europäischen
Union ist. Angeregt durch den Paneuropa-Kongress Coudenhove-Kalergis, der im Oktober 1932
in Basel stattfand, bildeten sich in verschiedenen Kantonen Gruppen, die sich für eine
föderale Einheit Europas einsetzten. Aber die Schweizer konnten sich mit dem
Politikverständnis des Grafen Coudenhove-Kalergi nicht anfreunden. Sie hatten ein anderes
Verständnis von Demokratie, und so gründeten sie am 24. Juni 1934
eine eigene "Europa-Union". Zu ihrem Zentralpräsidenten wählten sie den
Redakteur Dr. Hans Bauer, der das Amt bis zu seinem Tode 1965 innehatte.
Vier Jahre später, im August 1938, wurde in London die
"Pax Union" gegründet, die sich aber schon bald darauf "Federal
Union" nannte. Bereits 1940 hatte sie in Großbritannien mehr als 1000 Mitglieder,
die sich aktiv für ein föderal strukturiertes Europa einsetzten. 1941
verfassten auf der italienischen Verbannungsinsel Ventotene die beiden Italiener
Altiero Spinelli und Ernesto Rossi ihr berühmt gewordenes Manifest von Ventotene, das vor allem in europäischen
Widerstandskreisen Verbreitung fand. ( Spinelli ist derselbe, der als Abgeordneter des
Europäischen Parlaments 1984 den "Entwurf eines Vertrages zur Gründung der
Europäischen Union" vorlegte). Gerade Widerstandskreise waren es, die im Zweiten
Weltkrieg den Gedanken eines vereinten föderalistischen Europas in ihr Programm
aufgenommen hatten. In Frankreich gründete sich im Dezember 1941 eine Gruppe mit dem Namen "Combat", die
auch eine illegale Zeitung mit dem gleichen Namen herausgab, in der als Ziel die Schaffung
der Vereinigten Staaten von Europa gefordert wurde. Im Mai 1944 kam es in Genf zu einer
Konferenz von Widerstandskämpfern. Auf ihr wurde eine Deklaration zugunsten einer
europäischen Föderation verfasst, die gedanklich sehr stark von den Ideen Altiero
Spinellis und Ernesto Rossis beeinflusst war. Und anlässlich des Zusammenschlusses
französischer Widerstandsgruppen im Juni 1944 unter dem
Namen "Comité Français pour la Fédération Européenne" wurde eine Erklärung veröffentlicht, die auf
die Notwendigkeit einer europäischen Föderation hinwies.
Was während des Krieges noch vielfach im geheimen vor sich ging, konnte nach dem Krieg
öffentlich und verstärkt fortgeführt werden. So lud die Schweizer Europa-Union im
September 1945 die europäischen Föderalisten zu einer Konferenz nach Hertenstein am
Vierwaldstätter See ein. Dort wurden zwölf Thesen verfasst, die als "Hertensteiner Programm" zur Grundlage der europäischen
Arbeit der Nachkriegsjahre und zugleich zum politischen Gründungsdokument der späteren
Europa-Union Deutschland wurden. Der Zufall fügte es, dass zur gleichen Zeit nicht weit
vom Vierwaldstätter See Sir Winston Churchill in Zürich ebenfalls ein Plädoyer für ein
geeintes Europa hielt. Der Hertensteiner Konferenz folgten noch zwei weitere in Luxemburg
und Basel, bis im Dezember 1946 in Paris die Union Europäischer
Föderalisten (UEF) gegründet werden konnte, wobei Italiener, Franzosen und
Niederländer besonders stark vertreten waren.
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Europäer" unter Besatzungsrecht
Auch die Deutschen hatten zu den UEF-Veranstaltungen Einladungen bekommen, aber
sie konnten nicht teilnehmen, weil sie in der ersten Nachkriegszeit von den
Besatzungsbehörden keine Reisegenehmigung bekamen. Einzige Ausnahme waren einige im
Schweizer Exil lebende Deutsche. Unter ihnen ein ehemaliges Mitglied des Reichstages
namens Heinrich Ritzel, der auch Völkerbundbeamter gewesen war. Der gebürtige Franke war
seit 1939 Zentralsekretär der Schweizer "Europa-Union". Obwohl also die
deutschen "Europäer" zunächst nicht an den UEF-Konferenzen teilnehmen konnten,
waren sie jedoch schon bald nach dem Krieg recht aktiv. In zahlreichen Orten der
westlichen Besatzungszonen - insbesondere der britischen - wurden unter verschiedenen
Namen Gruppen gebildet, die sich alle die Einigung Europa zum Ziel gesetzt hatten. Doch
auch innerhalb der Besatzungszonen war es nicht leicht zu reisen, und daher hatten diese
Gruppen zunächst wenig Kontakt untereinander.
Schließlich gelang es Heinrich Ritzel auf abenteuerlichen Umwegen über
niederländische und englische Teilnehmer am Hertensteiner Treffen, mit dem Landrat von
Syke bei Bremen Verbindung aufzunehmen. Die britischen Besatzungsbehörden hatten dort
Wilhelm Heile, einen niedersächsischen Demokraten und Freund Friedrich Naumanns zum
Landrat ernannt. Heile hatte schon in der Weimarer Zeit einen "Verband für
europäische Cooperation" gegründet. Zusammen mit dem Fabrikanten Wilhelm Hermes aus
Mönchengladbach brachte es Heile am 9. Dezember 1946 zum
Zusammenschluss der wichtigsten örtlichen Europa-Gruppen. In Anlehnung an die
schweizerische "Europa-Union" hatte der Gast aus der Schweiz, Heinrich Ritzel,
auch für die deutschen "Europäer" den Namen "Europa-Union"
vorgeschlagen. Heile wurde erster Vorsitzender und Hermes Geschäftsführer mit einem
Sekretariat in Mönchengladbach.
Erste Kundgebungen gab es in Duisburg, Köln, Kiel und Lübeck. In der
sowjetischen Besatzungszone jedoch wurden alle Aktivitäten der Europa-Union und anderer
Europa-Verbände verboten. Der erste Kongress der Europa-Union fand im Juni 1947 in Eutin statt, an dem bereits 200 Delegierte von 50
Bezirksgruppen teilnahmen. Dennoch, die Schwierigkeiten, insbesondere die materiellen,
waren zu dieser Zeit immens. Noch immer war es nicht möglich, Delegierte der deutschen
Europa-Union zum Kongress der Union Europäischer Föderalisten (UEF) nach Amsterdam zu
schicken, die dort im April 1947 tagten. Und die UEF ihrerseits weigerte sich, Vorschläge
zur Lösung des Deutschland-Problems zu machen, "solange unsere deutschen
Gesinnungsgenossen nicht bei den Beratungen anwesend sein können". Im November 1947,
nachdem sich weitere föderalistische Gruppen in Deutschland der Europa-Union Deutschland
angeschlossen hatten, wurde die Europa-Union Mitglied der UEF. Sie ist damit die deutsche
Sektion der Union Europäischer Föderalisten.
Unter dem Vorsitz von Winston Churchill wurde im Mai 1948 in Den Haag
ein Europa - Kongress einberufen, an dem mehr als 700 Politiker aus westeuropäischen
Ländern teilnahmen. Er wurde maßgeblich von der UEF vorbereitet. Wichtigstes Ergebnis
dieses Kongresses war zum einen die Gründung des Europarats, dem heute 40 Staaten als
Mitglieder angehören, und zum anderen die Gründung des European
Mouvements. 1949 wurde in Wiesbaden der Deutsche Rat der
Europäischen Bewegung, die heutige Europäische Bewegung Deutschland, gegründet,
der auch die Europa-Union angehört.
Nach dem Europa-Union Kongress von Eutin fand im
Mai 1949 der 1. Ordentliche Kongress der Europa-Union in Hamburg statt. Auf diesem
Kongress wurde der Publizist Eugen Kogon als Präsident der
Europa-Union gewählt. Seine Nachfolger waren der Publizist Ernst
Friedländer (1954 - 1957), der Bankier Friedrich Carl Freiherr von Oppenheim (1957 - 1973), der Journalist
Theo M. Loch (1973 - 1980),
der Altbundespräsident Walter Scheel (1980 - 1989), der ehemalige Präsident des
Europäischen Parlaments, Dr. Egon A.
Klepsch (1989 - 1997) und seit 1997 übt der Europaabgeordnete Prof. Dr. Hans-Gert Pöttering das Amt des Präsidenten der
Europa-Union aus.
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Für ein Europa der Bürger
Seit Beginn versteht sich die Europa-Union Deutschland
als eine unabhängige, an keine Partei gebundene politische
Organisation. In einem flächendeckenden Netz von heute 16 Landesverbänden und rund 400
Bezirks-, Kreis-, Orts- und Stadtverbänden wirken etwa 20.000
Einzelmitglieder aktiv für die Einheit Europas. Die Europa-Union setzt sich dafür
ein, die breite Öffentlichkeit für die europäische Einigung zu mobilisieren. Sie
vermittelt den Bürgern die erforderlichen Informationen zum Verständnis der
europäischen Integration und versucht, sie von der Notwendigkeit des persönlichen
Engagements zu überzeugen. Ihr Organ ist die EUROPÄISCHE ZEITUNG,
die monatlich erscheint und über alle wichtigen europäischen Ereignisse berichtet. Auf
Vortragsveranstaltungen, Diskussionsforen, Kongressen, Verbands- und Fachseminaren werden
europapolitische Themen behandelt. Auf Kundgebungen und bei Straßenaktionen wird die
Öffentlichkeit darüber informiert, wie es in Europa weitergehen soll. In jedem Jahr am
5. Mai ist Europatag, Anlass für die Mitglieder der Europa-Union, an diesem Tag auf
Veranstaltungen und an Informationsständen verstärkte Öffentlichkeitsarbeit zu leisten.
Enge Zusammenarbeit besteht auch mit den Europa-Häusern und Europäischen Akademien, die
die außerschulische europapolitische Bildung übernommen haben. Auch speziell für die
Jugend wird etwas getan: Die Jungen Europäischen Föderalisten (JEF) veranstalten europaweit jugendgemäße Aktionen,
Seminare, Bildungsreisen, Sprachkurse und Jugendaustausch.
Neben diesen vielfältigen Aktionen der Öffentlichkeitsarbeit ist die Europa-Union
ständig bemüht, auf die "offizielle" regierungsamtliche
Europapolitik in der Bundesrepublik Deutschland, bei den Organen der Europäischen
Union und des Europarates Einfluss zu nehmen und dazu
beizutragen, die Einheit Europas Schritt für Schritt voranzubringen.
Seit ihrer Gründung vor 50 Jahren setzt
sich die Europa-Union Deutschland für die föderale Einigung Europas ein. Inhalt dieser
Grundphilosophie ist nicht die Abschaffung der Nationalstaaten, sondern föderale und
demokratische Strukturen für deren Zusammenarbeit zu finden, um unnötige
Machtkonzentrationen zu verhindern und zugleich die kulturelle Vielfalt dieses Erdteils zu
erhalten. Es gibt eine Reihe von Beispielen, die zeigen, dass
die Europa-Union Deutschland
in politischen Bereichen schon früh manche Impulse gegeben hat, die heute Wirklichkeit
geworden sind.
Bereits auf dem 1. Ordentlichen Kongress der
Europa-Union in Hamburg im Mai 1949 plädierte man für ein geeintes Deutschland in einem
geeinten Europa. - Von Anfang an ist die Europa-Union für die Direktwahl und die
Stärkung des Europäischen Parlaments eingetreten. Heute steht das volle Ziel der
gleichberechtigten Beteiligung von Parlament und Ministerrat an der EU-Gesetzgebung auf
der Tagesordnung der derzeitigen Regierungskonferenz. - Anlässlich der ersten Direktwahl
zum Europäischen Parlament erhob erstmalig die Europa-Union die Forderung
nach Direktwahlbeauftragten der Länder. Damit wurde eine Entwicklung in Gang
gesetzt, aus der später die Europabeauftragten der Landesregierungen und schließlich -
mit dem Einbau in die ministerielle Entscheidungsebene durch die Schaffung von
Gleichrangigkeit auf der Ebene des Bundesrates und der Bundesregierung - die
Europaminister hervorgingen. - Schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt hat die Europa-Union
die Entwicklung einer Unionsbürgerschaft verlangt. Dies ist heute erreicht und im
Maastrichter Vertrag festgeschrieben. - Bereits 1968 sprach sich die Europa-Union für
eine gemeinsame Währung aus, und sie kreierte dabei - als erste - den Namen
"Euro". Ein entsprechendes Werbeblatt der Europa-Union,
auf dem die Münzeinheit "Euro" abgebildet war, hatte fast prophetischen
Charakter.
Auf fünf Jahrzehnte wirkungsvoller Arbeit kann die Europa-Union nun
zurückblicken, und manches, was in diesen Jahren erwünscht, gefordert und erarbeitet
worden ist, gehört heute zur Wirklichkeit. Als am 7. Dezember 1996 in der kleinen Stadt
Syke im Rückblick auf die vergangenen 50 Jahre in Anwesenheit von
Bundestagspräsidentin Prof. Rita Süssmuth ein wenig gefeiert wurde, dann wussten
die
Mitglieder der Europa-Union Deutschland, dass zur Schaffung der Politischen Union noch
einiges zu tun sein wird.
Stand 1997 -
jetzt 2007
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